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2010

Gennady Karabinskiy

Jürgen Weichardt

Malen ist für Gennady Karabinskiy mehr als der Umgang mit Farben. Der Künstler erzählt mit ihrer Hilfe von Menschen und Tieren einer uns zunächst fern scheinenden Welt. Doch die Bilder entstehen in einem kleinen Atelier in Oldenburg, also in einer zwar ruhigen, aber doch modernen Umgebung - die Bilder sind nicht als Erinnerungen zu betrachten, sondern durchaus als Stellungnahmen des gegenwärtigen Lebens. Zu dem gehört jedoch auch das Erinnern, die Bilderwelt, die einmal vor den Augen des Künstlers entlang gezogen ist: Die Bilder haben ihre Ambivalenz - sie sind gegenwärtig und erinnern, und in der Erinnerung führen sie zum Heute zurück. Dazu dienen ihnen Formgebung und Farbsetzung.
Gennady Karabinskiy - um Biografisches kurz anzuführen - wurde 1955 in  der weißrussischen Stadt Baranowitschi geboren - eine Stadt, in der sie die Linien von Vilnius nach Kiew - also Nord-Süd -  und von Warschau nach Moskau - also West und Ost - kreuzen, was der Stadt Bedeutung gibt. Sie ist so groß wie Oldenburg, nicht ganz 170 Tausend Einwohner. Ich erwähne das, weil damit deutlich wird, dass hinter den Bildern von Gennady Karabinskiy kein dörflicher Hintergrund besteht - so wenig wie bei Marc Chagall. Es sind Kunstfiguren, auch wenn die eine oder andere oder sogar viele auf Beobachtung und Begegnung zurückzuführen sind; doch über ihre Form- und Farbgebung entscheidet der Künstler vor der Leinwand, und nicht unter Druck einer Realität, die hier widergespiegelt sein könnte. Zudem hat der Künstler ab 1985 in St. Petersburg gelebt und studiert, die da noch Leningrad hieß und in künstlerischer Hinsicht zwischen Tradition und sanfter Moderne schwebte. Gennady Karabinskiy hat in der berühmten alten Metropole am aktuellen Ausstellungswesen teilgenommen.
2004 ist er nach Oldenburg übergesiedelt. Mit beinahe 50 Jahren hat er einen Neuanfang gewagt in einer fremden Stadt, deren Sprache er nicht beherrschte. Oldenburg hatte zwar eine russische fürstliche Verbindung gerade nah St. Petersburg, aber das hat natürlich 170 Jahre später keine Rolle gespielt.
Gennady Karabinskiy ist eine zu starke Persönlichkeit, als dass der Umzug auf die Malerei größeren Einfluss gehabt hätte.

Was uns Gennady Karabinskiy in dieser Ausstellung vor Augen führt, ist eine stille Szenerie- nicht Pathos, sondern leise Töne die mit bescheidenen, im Grunde demütigen Menschen ergeben den Klang der Bilder. Menschen werden dargestellt, meist nur ihre Köpfe, ihre Gesichter, zuweilen stark angeschnitten, so wie die Erinnerung nur Details zulässt, gleich, ob sie aus ferner Vergangenheit oder aus den jüngsten Tagen etwas vor Augen zaubert. Der Künstler gibt diesen Köpfen und Gesichtern einen starken Ausdruck - tiefes Empfinden, große Wünsche, vielleicht Heimweh, vielleicht auch nur alltägliche Not oder Freude.
Die Köpfe werden häufig mit einem Vogel verbunden, der auf dem Kopf sitzt oder steht oder sich groß im Hintergrund zeigt.
Der Vogel ist Symbol, seine Anwesenheit ist gewöhnlich nicht realistisch, sondern drückt etwas aus - das Leben, die Bewegung, die Zeit, die "verfliegt".
In wenigen Beispielen wird die Mütze, die Kopfbedeckung auch besetzt von Haus und Baum; auch sie sind Zeichen, deuten Besitz an, sind aber in der gleichen Position wie die leichten Vögel, was heißen könnte - dass Besitz etwas ist, was zu Gunsten des Lebens verzichtbar sein könnte. Das ist - wir wollen das nicht falsch einschätzen - eine Überzeugung, mit der man auf Wanderschaft gehen kann.
Das klassische Thema der Einsamkeit ist verständliches Motiv in zahlreichen Bildern dieses Künstlers. Aber er ruft diese Empfindung nur ganz sanft hervor - das Expressive ist nicht seine Art. Große Augen, ein tiefer Blick über den Tischrand, eine versonnene Geste, Haltungen, die vieldeutig sind, und darum auch Einsamkeit andeuten können.
Gennady Karabinskiy stellt Fragen in Farben - wir dürfen die Farben nicht übersehen: Oft wählt er einen dunklen Ton für das Gesicht und lässt den Hintergrund, der nur als Fläche ohne gegenständliche Bindung in Erscheinung tritt, heller aufleuchten, als gebe es eine Art von Gegenlicht. Wohl werden die Dinge - im Stillleben oder auf Tischen, vor denen Menschen stehen - von den Farben getrennt, aber alle Farben haben eine reiche Differenzierung eine kräftige Nuancierung in sich, sodass dieses Spiel der Farben über die Gegenständlichkeit hinweggeht. Die Farben sind die Träger der Harmonie in den Bildern. Man muss sie auf sich wirken lassen.
Und das ist bereits ein Ergebnis gegen die Bilderflut und ihre  sinnentleerte Vermassung. Obwohl wir in den Bildern immer Alltägliches sehen, meistens Menschen, wird uns schnell bewusst, dass Gennady Karabinskiy nicht mit Worten dagegen kämpft, er setzt etwas Positives dagegen, indem er Fragen aus seiner eigenen Weltsicht in den Bildern entwickelt...
24.07.2010  Dr. Jürgen Weichardt (Oldenburgische Landschaft)